Rezension: Der Sturz des Adlers

In den 80er Jahren regte Norbert Leser mit „Salz der Erde” auf und gab Anstoß zu intensiven innerparteilichen Diskussionen. Diese Zeiten sind allerspätestens mit „Der Sturz des Adlers” vorbei. von Franz Spitaler

Dabei beginnt es durchaus verheißungsvoll. Denn laut Klappentext sei das Buch „in seiner Analyse der Jetztzeit sicher das radikalste von Lesers Werken”. Doch der Untertitel „Ein Lesebuch für Leser-Leser auf” Seite 3 stimmt bereits sehr früh sehr nachdenklich.

Das Buch zerfällt inhaltlich und qualitativ in drei Teile. Lesers Darstellung der frühen Parteijahre bringt keine neuen Gedanken, ist aber durchaus mit (populär)wissenschaftlichem Anspruch geschrieben. Diese Stärke geht im zweiten Teil weitgehend verloren, im dritten verschwindet sie.
Die SP-Nachkriegsgeschichte gerät Leser weitgehend zu hagiographischen Darstellungen Helmers und Schärfs. Der dritte Teil behandelt die Zeitraum von Vranitzky bis in die Gegenwart. Es ist Leser unbenommen, Vranitzky skeptisch und kritisch gegenüber zu stehen. Aber von einem Politologen darf man sich doch ausführlichere Analyse und weniger Befindlichkeit erwarten. Auch stellt sich die Frage, warum gerade dieser letzte Teil vergleichsweise kurz und oberflächlich wurde. Es wird doch nicht daran liegen, dass seit Lesers letzter größerer Publikation doch schon einige Zeit vergangen ist und seine Schublade leer war?

Leser beklagt am Beispiel des Auswahlverfahrens, das letztlich Gusenbauer zum Parteivorsitzenden machte, die mangelnde innerparteiliche Demokratie. Der Vorwurf, die Parteiführung hätte oligarchische Struktur, Entscheidungen würden nur von einer Minderheit herbeigeführt (S. 208), ist schon fast als rührend zu bezeichnen. Die SP war nie ein Ort radikaler Basisdemokratie und wird es vermutlich auch nie werden. Natürlich kann man über die Qualität der Entscheidungen und Entscheider geteilter Meinung sein. Falls aber Leser erst jetzt innerparteiliche demokratische Defizite auffallen, muss man sich fragen, warum dem so ist. Nachdem Leser in den 70er Jahren mit einem SP-Ticket ganz gut unterwegs war, sollten ihm parteiinterne Abläufe und Rituale durchaus vertraut sein.

Gelegentlich finden sich Sätze, gegen die wenig bis gar nichts zu sagen ist. „Die systematische Unterbindung einer Nachwuchspflege führte mit eherner Logik zu einer Ausdünnung und Austrocknung der Partei. So wie politische und verwandtschaftliche Inzucht schon in Herrscherhäusern zu Degenerationserscheinungen geführt hatten, so war auch die Arbeiterbewegung von den Folgen mangelnder Mobilität und Offenheit betroffen.” (S. 214) Stimmt alles, sieht man jeden Tag - wenn man es sehen möchte. Falls die SP ein Nachwuchsentwicklungskonzept hat, so ist dieses gut getarnt.
Was sich in manchen Teilen der Bewegung abspielt, kann man ohnehin nur als Ochlokratie einstufen. Leser: „Das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaften, das über weite historische Strecken ein gutes und harmonisches war, hat sich in den letzten Jahren eher in Richtung der Behinderung der Partei durch die Gewerkschaft entwickelt.” Pragmatisierte haben eben wohlerworbene Rechte.

Ingesamt ist es schade um die vergebene Chance. Lesers Habilitation „Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus in Theorie und Praxis” von 1968 gilt als Standardwerk der österreichischen Politologie, sein 1988 erschienenes „Salz der Gesellschaft” wies verdienstvoll auf Fehlentwicklungen in der Sozialdemokratie hin, seine 1998 erschienene „Elegie auf Rot” war zwar schon schwächer, aber nach wie vor verdienstvoll. Ob wir 2018 noch mit einem großen Alterswerk des 1933 Geborenen rechnen dürfen, wird sich zeigen. Nur - im Moment schaut es nicht danach aus.

Norbert Leser: Der Sturz des Adlers. 120 Jahre österreichische Sozialdemokratie. Kremayer & Scheriau, Wien 2008, ISBN 978-3-218-00785-6

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