Krise und Verteilung

Die Schuld für die aktuelle Wirtschaftskrise wird derzeit gerne den völlig entarteten Finanzgeschäften in den USA angelastet. Warum die wachsende Einkommensungleichheit in Österreich, Deutschland und in anderen Ländern die Krise zumindest in gleichem Ausmaß mitverursacht hat und weshalb die dringend gebotene Re-Regulierung der Finanzmärkte nur einen Teil des Problems löst. von Engelbert Stockhammer

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob die Einkommensverteilung wenig mit der Finanzkrise zu tun hätte. Die Finanzkrise wurde durch Entwicklungen auf Finanzmärkten verursacht, vor allem durch deren Deregulierung: Finanzinstitutionen war es möglich, neue Finanzinstrumente zu entwickeln, deren Risiken sich schwer bewerten ließen und die niemand so richtig verstand, sie bündelten Hypothekarkredite, tranchierten sie und verkauften sie so rasch wie möglich, garniert mit freundlichen Bewertungen durch willfährige Ratingagenturen; die Banken entwickelten off-balance sheet Zweckgesellschaften um die Kapitalvorschriften zu umgehen; Hedge Fonds verschuldeten sich über alle Maße und waren damit krisenanfällig; die starken Kapitalzuflüsse in die USA, die diese zur Deckung ihres Leistungsbilanzdefizits benötigten, trugen zur Überbewertung der neuen Finanztitel bei. So, oder so ähnlich, sind die gängigen Krisenerklärungen. Bei allen genannten Erscheinungen  handelt es sich um Entwicklungen eines außer Rand und Band geratenen Finanzsektors – was sollte also die Einkommensverteilung damit zu tun haben?

Die angeführten Krisenursachen sind durchaus treffend und eine Re-Regulierung des Finanzsektors ist zweifellos das Gebot der Stunde. Der Fokus auf die Fehlentwicklungen im Finanzsektor droht jedoch dahinterliegende strukturelle Ursachen aus dem Bewusstsein zu verdrängen – und die haben viel mit der Veränderung der Einkommensverteilung zu tun. Genauer genommen mit den teils komplexen Wechselwirkungen zwischen dem deregulierten Finanzsystem und der Polarisierung der Einkommensverteilung. Genau davon handelt dieser Artikel.

Wachsende Ungleichverteilung

Seit den frühen 80er Jahren ist es zu dramatischen Veränderungen in der Einkommensverteilung gekommen. In den meisten Ländern hat sich die Einkommensverteilung polarisiert- die Reichen sind reicher und die Armen (relativ) ärmer geworden. In den USA haben die Spitzeneinkommen (relativ zu den Durchschnittseinkommen) Werte wie seit den 1920er Jahren erreicht. Während die Superreichen (die obersten 0.1% der Einkommenspyramide) 1979 zwanzigmal soviel verdienten wie die Durchschnittseinkommen (hier: der Durchschnitt der unteren 90% der Einkommensverteilung, also der Normalverdiener), so war es 2006 siebenundsiebzig (!) Mal so viel.[1] In praktisch allen Ländern ist die Lohnquote, d.h. der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen gesunken in Österreich seit 1980 gar um mehr als 15 %.

Ein ökonomisches Problem

Gut, die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert. Das mag ein soziales Problem darstellen, aber ist es auch ein ökonomisches Problem? Durchaus. Für den Großteil der Haushalte sind Lohneinkommen die Haupteinkommensquelle. Aus den Lohneinkommen wird daher der Großteil der Konsumausgaben finanziert. Bleiben die Löhne hinter dem Produktivitätswachstum zurück, so wird weniger konsumiert. Technisch gesprochen haben ArbeitnehmerInnen eine höhere Konsumneigung als KapitaleinkommensbezieherInnen. Ökonometrische Schätzungen ergeben, dass 100 € mehr Löhne zu rund 30 bis 40 € mehr Konsumausgaben führen als 100 € mehr Gewinne.[2]

Eine niedrigere Lohnquote bedeutet definitionsgemäß eine höhere Profitquote. Und höhere Profite führen zu mehr Investitionen. Kompensieren die höheren Investitionsausgaben nicht die gesunkenen Konsumausgaben? Nein; zwar führen höhere Gewinne tatsächlich zu mehr Investitionen, aber in einem bescheidenen Ausmaß. 100 € höhere Gewinne führen zu rund 10 € höheren Investitionen. Kurz die heimische Nachfrage, d.h. die Konsumausgaben und Investitionen, stagniert, wenn die Löhne nicht steigen.

Finanzsektor und Investitionenskürzungen

Darüberhinaus gab es jedoch noch andere Gründe, warum die Invesitionen nicht gestiegen sind und diese haben ihrerseits mit der Deregulierung des Finanzsektors zu tun. Die deregulierten Finanzmärkte führten erstens zu einer höheren Volatilität von Wechselkursen und den Preisen von Finanzanlagen. Diese erhöhte Unsicherheit dämpfte nun die Investitionstätigkeit. Zweitens stieg mit der Deregulierung der Einfluss der institutionellen AnlegerInnen, d.h. der Pensionsfonds, Hedge Fonds und Private Equity Fonds. Diese nahmen unter dem Schlagwort der Shareholder Value-Orientierung Einfluss auf die Unternehmen. Die Unternehmen mussten höhere Dividenden ausschütten und die Aktienkurse notfalls durch Aktienrückkäufe hochhalten. Beides reduzierte die verfügbaren Mittel für Investitionen. Insgesamt werden ein immer geringerer Teil der Profite reinvestiert.

Daher stagnierte die heimische Nachfrage in vielen Ländern. Etliche Länder, nicht zuletzt Deutschland, in seinem Schatten Österreich, und Japan, haben dieses schwache Wachstum der heimischen Nachfrage durch Exportüberschüsse kompensiert. Das geringe Lohnwachstum hatte ja auch die Konkurrenzfähigkeit erhöht. Nur, es können nicht alle Länder gleichzeitig Exportüberschüsse erzielen. Jedem Leistungsbilanzüberschuss muss ein Leistungsbilanzdefizit in einem anderen Land gegenüberstehen.

Des einen Überschuss, des anderen Defizit…

Es waren die angelsächsischen Ländern, allen voran die USA, aber auch Großbritannien, die sich als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft etablierten. Sie generierten die Nachfrage, die die Exportüberschüsse von Deutschland, Japan und China erst möglich machten. Wie taten sie das? Waren in diesen Ländern die Löhne etwa stärker gewachsen? Nein, im Großen und Ganzen nicht. Aufgrund ihres Immobilienmarktes und ihres Finanzsystem entwickelten diese Länder im Zeitalter der Deregulierung des Finanzsektors ein scheinbar brillantes System der Nachfrageankurbelung bei stagnierenden Löhne: der Konsum wurde kreditfinanziert. Aber warum sollten die Banken Kredite für Konsumausgaben gewähren? Nun, das taten sie gar nicht, zumindest nicht vordergründig. Aber eigentlich doch.

In den angelsächsischen Ländern (aber auch in Spanien, Dänemark und den Niederlanden) hatte sich eine Immobilienblase entwickelt. Die Immobilienpreise stiegen und die Häuser der Mittelstandsfamilien wurden mehr und mehr wert. Was also lag näher, als sich den Wertzuwachs als Kredit auszahlen zu lassen? Genau das passierte. Im Jahr 2006 betrug dieser sogenannt home equity withdrawal nicht weniger als 10 % des verfügbaren Einkommens – und wurde natürlich vor allem für Konsumausgaben verwendet. Teils finanzierten die Banken den Konsum jedoch auch direkt: die Konsumkredite wuchsen enorm an. Allein die Kreditkartenschulden wuchsen von 110 Mrd. US$ (1989) auf 393 Mrd. (2007).[3] Damit betrugen sie rund ein Viertel der Hypothekarkredite, die den Großteil der Haushaltsverschuldung ausmachen.

Die Schulden wuchsen in vielen Ländern dramatisch an. Im ungewichteten EU Durchschnitt wuchsen sie ähnlich stark wie in den USA. In Deutschland und Frankreich allerdings deutlich weniger. Dieses kredit-finanzierte Wachstumsregime ging gut, solange die Hauspreise weiter stiegen. Als diese zu Fallen begannen, begannen auch die Banken zu krachen.

Zwei Seiten derselben Medaille

Wie finanzierten die Banken eigentlich dieses Kreditwachstum? Größtenteils nicht über Einlagen, nach dem traditionellen Modell des Bankengeschäfts, sondern indem sie die Kredite weiterverkauften, teils in Form recht komplizierter Wertpapiere. Und wer kaufte eigentlich diese Papiere? Pensionsfonds, internationale Banken und andere oft internationale InvestorInnen – zu einem großen Teil jedenfalls über Kapitalzuflüsse. Das muss so sein: ein Land das Exportüberschüsse (an Gütern) hat, muss auch Kapital exportieren.[4] Chinas Exportüberschüsse (aber auch die Japans und teilweise jene Deutschlands) wurden also in Finanzanlagen in den USA investiert. Indirekt finanzierten sie damit die Kredite für die Immobilienblase.

Die Außenhandelsungleichgewichte und die korrespondierenden Kapitalflüsse spielten also eine wesentliche Rolle in dem spekulativen Prozess. Ermöglicht wurden sie durch die Deregulierung der internationalen Kapitalmärkte. Vor deren Deregulierung, also im Bretton Woods System, wurden solche Ungleichgewichte nicht toleriert, sondern durch periodische Anpassung der Wechselkurse und, gegebenenfalls, durch Kapitalverkehrsbeschränkungen gegengesteuert. Im deregulierten System wurden die Wechselkurse den Märkten überlassen und Eingriffe in den freien Kapitalverkehr waren (und sind!) verpönt. Die Außenhandelsungleichwichte stiegen in den letzten Jahren in ungewohnte Höhen. Die Standardabweichung der Leistungsbilanzpositionen  ist nun höher als in den 70er-Jahren, als der Ölpreisschock zu schweren Verwerfungen führte.

Ein perverses System

Fassen wir also zusammen: Jene Länder, in denen wegen Lohnzurückhaltung die heimische Nachfrage schwächelt, exportieren fleißig und finanzieren mit ihren Kapitalexporten die Kreditgenerierung in jenen Länder, wo die Haushalte fleißig einkaufen, was sie sich wegen des geringen Lohnwachstums gar nicht leisten können und daher über Kredite finanzieren müssen. Insgesamt ein perverses System möchte man meinen. Möglich wurde all dies durch die Deregulierung des Finanzsystems, aber auch durch eine Polarisierung der Einkommensverteilung.

Eine Reform des Finanzsystems kann daher nur ein Teil der Reparatur des Systems sein. Der andere Bereich der der Reparatur bedarf ist die Lohnpolitik. Erst wenn die Löhne wieder mit der Produktivität wachsen ist ein wirtschaftliches Gleichgewicht möglich, das ohne spekulative Blasen und ohne steigende Haushaltsverschuldung auskommt.

Engelbert Stockhammer ist als ao. Universitätsprofessor am Institut für Geld- und Finanzpolitik der WU-Wien tätig.
[1] Mishel et al (2009)

[2] Siehe Stockhammer (2006) für Schätzungen für den Euro-Raum und Stockhammer und Ederer (2008) zu Österreich.

[3] Kennickel (2009).

[4] Etwas vereinfacht gesagt, wenn Land A mehr an Land B verkaufen will als es selbst von Land B kauft, dann muss es dem Land B einen Kredit zur Verfügung stellen, damit Land B die Mittel hat, die Waren zu kaufen.