Kredite, Kohle, Kalorien. Oder die Krise der Finanzen und der Natur

Elmar Altvater zählt seit Jahrzehnten zu den prominentesten wissenschaftlichen KapitalismuskritikerInnen. In seinem Beitrag für die ZUKUNFT setzt er sich mit der aktuellen Krise von Wirtschaft, Politik und Natur auseinander, deren Analyse auch im Mittelpunkt seines zuletzt erschienen Buchs steht.

Kaum war auf dem Brüsseler EU-Gipfel Ende Oktober 2010 der «Krisenmechanismus zur Wahrung der Finanzstabilität» beschlossen, musste er angeworfen werden. Irland, das sich zunächst gegen europäische Hilfe zur Bewältigung der Finanzkrise des Landes sträubte, wurden 85 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds von 750 Milliarden geradezu aufgedrängt. Denn es ging darum, eine Staatspleite abzuwenden, die auch in Portugal, Spanien, Belgien und Italien droht./ Principiis obsta!/ Denn die durch eine dubiose Bankengarantie emporgeschnellte irische Staatsverschuldung könnte den Euro zum Absturz und das “europäische Haus” zum Einsturz bringen. Sollte es zu diesem großen Krach kommen, reichen die 750 Milliarden nicht. Daher hat der Chef der deutschen Bundesbank eine Aufstockung auf mehr als 1000 Milliarden Euro gefordert. Mit diesen von der öffentlichen Hand garantierten Geldern könnten die hunderte von Milliarden Euro, die die europäischen Großbanken ausgeliehen haben, weiter bedient werden, selbst wenn große Länder im Euroraum über den Rand zur Zahlungsunfähigkeit stolpern sollten. Das Hilfspaket entpuppt sich also als eine Aktion zur Rettung der großen Banken, es hat einen /haut gout/ der Korruption und des Betrugs, zumal mit den großen Banken die großen Vermögen gesichert wären, die bei den Banken lagern und mit denen sie rentierlich zu Gunsten der Geldvermögensbesitzer „arbeiten”. Sie drehen mit Regierungsunterstützung das ganz große Rad der Spekulation, und sie überrollen damit ganze Länder.

Bewährter Finanzmechaniker des Krisenmechanismus ist der Internationale Währungsfonds, zu Hilfe gerufen von den EU-Gewaltigen, insbesondere von der deutschen und französischen Regierung. Der IWF hat schon in seinem in den 1980er Jahren ausgearbeiteten Regelwerk zur Bewältigung der Schuldenkrise - damals der „Dritten Welt” - von den Schuldnerländern ein hartes Austerity-Regime der Kürzungen im Sozialetat, der Währungsabwertung zur Erhöhug der Exporteinnahmen und der Senkung von Lohnkosten verlangt und durchgesetzt. Das sollte im Konsens geschehen, im „Konsens von Washington”. An diesem Konzept waren neben IWF und Weltbank die US-Regierung, die Wall Street-Banken, die think tanks in Washington beteiligt. Dieser Konsens hat bis heute in den damit traktierten Ländern einen bösen Klang. Denn die Finanzmarktakteure haben Staaten und Gesellschaften in Geiselhaft nehmen können und den Krisenmechanismus als Umverteilungsmaschine von unten nach oben, von Schuldnern zu Gläubigern, von Steuerzahlern zu als „systemrelevant” erklärten Finanzinstituten in Gang gesetzt.

Der Konsens war immer schon faul, auch in den 1980er Jahren, als er erfunden wurde. Heute ist das erst recht so, gerade auch in Europa. Das sowieso brüchige „europäische Sozialmodell” wird abgerüstet, die „europäische Wirtschaftsregierung” als deutsch-französisches Diktat gestaltet, die Ungleichgewichte zwischen den Partnerländern im Euroraum aber bleiben. Und das ist nicht alles. Denn die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit Beginn der 1930er Jahre findet auf einem „Gipfel” statt, auf dem „Peak everything” (Heinberg 2007): d.h. in Sichtweite der schwindenden Reserven von Öl und von anderen Rohstoffen, bedroht von „ungewöhnlichen Wettereignissen” infolge der heraufziehenden Klimakatastophe und von immensen und zwar irreversiblen Verlusten an Biodiversität. Die Versorgung von Milliarden Menschen mit Nahrungsmitteln ist nicht mehr gesichert, der Hunger treibt sie auf die Straße, wie derzeit in der arabischen Welt. Über den Hunger in der Welt kann man nicht mehr sprechen, ohne sich mit den „Finanzinnovationen” der Finanzmärkte, mit der Spekulation auf steigende Nahrungsmittelpreise zu beschäftigen. Klimapolitik kann man mit marktbasierten Instrumenten nicht machen, ohne sich über die verwendeten Finanzprodukte (CO2 -Zertifikate) und über die damit angeheizte Finanzspekulation zu unterhalten. Oil-Futures erlauben die Spekulation auf die zukünftige Ölpreisentwicklung.

Die „Mutter aller Krisen”

Gesellschaften kollabieren nicht, wenn sie in eine schwere ökonomische und finanzielle Krise geraten. Im Gegenteil, die ökonomischen Krisen sind eine Art „Jungbrunnen” des Systems; Joseph A. Schumpeter spricht ihnen die Kraft der „schöpferischen Zerstörung” zu. Die Rentabilität des Kapitals wird gesteigert und seine Herrschaftsbasis erneuert. Bei den menschengemachten Naturkatastrophen ist das anders. Diese Zerstörungen sind nicht reversibel, und ihnen folgt keine schöpferische Großtat. In der bisherigen Menschheitsgeschichte blieben in den ökologischen Katastrophen regionale oder lokale Kulturen auf der Strecke; die Gesellschaften auf den Osterinseln verschwanden, die Kulturen der Maya oder der Inka auch (vgl. Diamond 2006). In Zeiten der Globalisierung jedoch haben alle regionalen Krisenerscheinungen globale Reichweite; ein globaler Kollaps von Klima, Energieversorgung und Biodiversität und daher der Produktion von Nahrungsmitteln hätte nicht nur monetäre Verluste wie in der Finanzkrise zur Folge, sondern die Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen, die Vernichtung von Menschenleben.

Die Industrieländer sind dafür hauptverantwortlich, dort befindet sich das Epizentrum der globalen Systemkrise, daher stammt „die Mutter aller Krisen”: das Konsum- und Produktionsmodell der westlichen kapitalistischen Metropolen. Es verlangt hohe Zuwachsraten der Produktivität, ist auf Massenproduktion, folglich auf Massenkonsum
ausgelegt, und verbraucht daher auch massenhaft Natur, nämlich Rohstoffe, fossile Energie, Landflächen und es tendiert dazu, die Biodiversität monokulturell zu reduzieren. Was dies für Österreich bedeuten kann, ist gerade in einem größeren interdisziplinärenn Forschungsprojekt, koordiniert vom Umweltbüro Klagenfurt, untersucht worden (Klien-Projekt 2010).

Zugleich sind die Industrieländer die Machtzentren der globalisierten kapitalistischen Welt und hätten daher das Potential, der umfassenden Krise entgegen zu steuern. Doch werden zwar mit eiligen politischen Interventionen und mit viel Geld die Feuer im Finanzsektor zu löschen versucht, doch sie glimmen weiter und können erneut zum Flächenbrand  werden. Zur Bekämpfung der Brände in der reproduktiven Realwirtschaft, zur Schaffung von Arbeitsplätzen, zur Abkühlung des Treibhauses Erde oder bei der Energie- und Nahrungsmittelversorgung steht Geld hingegen nur unzureichend zur Verfügung. Da sind die bei der Rettung sogenannter systemrelevanter Bankhäuser so freigiebigen Finanzminister auf einmal knauserig.

Von der Finanzkrise der Privaten zur Schuldenkrise der Staaten

Die Ursachen der tiefsten Finanzkrise in der Geschichte des Kapitalismus reichen bis in die 1970er Jahre zurück, als nach dem Kollaps des Bretton Woods Systems fixierter Wechselkurse die Finanzmärkte liberalisiert und politische Regeln systematisch dereguliert wurden. Die weltweite Konkurrenz der Finanz-Standorte wird mit hohen Renditen und Zinsen ausgetragen, so dass seit dieser Zeit die Profite des Finanzsektors nachgerade explodieren. Er wächst daher sehr viel schneller als die „reale Ökonomie”, und das gilt für die Finanztransaktionen im Vergleich zu Welthandel oder Direktinvestitionen ebenso wie für Geldvermögensbestände oderBankgewinne im Vergleich zu den Profiten in der „realen” Ökonomie. Die Logik des „schnellen Geldes”, also Kurzfristigkeit der Planung, Shareholder value und halb-legale, manchmal kriminelle Machenschaften bestimmen nun das unternehmerische Handeln. Finanzinnovationen haben die Gewinne zusammen mit Prämien und Boni im Finanzsektor in den siebten Himmel katapultiert. Mit Hilfe der Hebelwirkung - eine mikroökonomisch rationale Methode - haben die Banken immer mehr Fremdkapital eingesetzt, um die Gewinne zu steigern. Sie haben dabei Risiken in Kauf genommen, die der Vorsicht des „ehrbaren Kaufmanns” Hohn sprachen und sogar die vom „Baseler Abkommen” gesetzten Grenzen des haftenden Eigenkapitals nicht mehr respektierten. Man wich mit speziell für spekulative Geschäfte gegründeten „Zweckgesellschaften” in die schwarzen Löcher der Weltwirtschaft, die Offshore-Finanzzentren aus, wo die Aufsicht, sofern überhaupt vorhanden, äußerst lax gehandhabt wird. Gesamtwirtschaftlich ist das alles irrational, da nun das Eigenkapital nicht mehr reicht, um die Risiken abzusichern, wenn diese denn eintreten. Und sie sind eingetreten. Das ist eigentlich ein Fall für den Konkursverwalter, doch kann man das Bankensystem nicht einfach zusammenbrechen lassen und sich - wie der Kaiser Nero im brennenden Rom am Inferno der ewigen Stadt - an den krachenden Banken und dummen Gesichtern der Ackermänner aller Finanzplätze erfreuen.

Die gesamte Welt wird in den Krisenstrudel gezogen. Es zeigt sich, dass Renditen von 20% und mehr auf das Eigenkapital bei realen Wachstumsraten von 1 bis 2% die Ökonomie strangulieren und der Umwelt wegen des hohen Energieverbrauchs und der Auswirkungen der Emissionen auf das Klima irreparablen Schaden zufügen und die Welt in extrem reiche Prämien-, Boni- und Renditenbezieher und eine ebenso extrem wachsende Masse armer und schlecht ernährter, ja hungernder Menschen spalten. Der Finanztsunami löst nicht nur verheerende Finanzkrisen aus, er zerstört gesellschaftliche Strukturen und bringt immer wieder die sowieso prekäre Machtbalance innerhalb der Nationen und zwischen ihnen durcheinander. Die Masseneinkommen bleiben in diesem tollen Karussell zurück, in allen Industrieländern ist nach Angaben des IWF der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen seit 1990 zum Teil um bis zu 10 Prozentpunkte gesunken.

Doch da die unmäßig hohen Forderungen des Finanzsektors real nicht dauerhaft bedient werden können, erweisen sie sich irgendwann als wertlos, die hohen Vermögenswerte sind illusionär. Das im Finanzsektor angelegte Kapital ist, wie schon Marx analysiert hat, „fiktives Kapital”. Es entsteht also ein immenser Abschreibungsbedarf auf verbriefte Forderungen, den niemand genau beziffern kann. Der IWF errechnete im Herbst 2009 2800 Milliarden US-Dollar, die Commerzbank gibt bis zu 7.800 Milliarden US-Dollar an.

Wer kommt für die Verluste auf? Die Finanzkraft der Staaten ist systematisch ausgehöhlt worden. Denn Banken und Unternehmen haben im Verein mit Beratungsinstitutionen und dem liberalen politischen mainstream einen Wettbewerb um die niedrigsten Steuersätze ausgelöst, so dass in ganz Europa die Unternehmenssteuern abgesenkt worden sind, in Irland beispielsweise auf lächerliche 12,5%. Das war lukrativ für alle Unternehmen, und deshalb siedelten sich tausende auf der grünen Insel an. Irland wurde als „keltischer Tiger” in den Himmel gelobt. Als aber die Regierung gezwungen wird, ihren Banken mit viel Geld, das sie nicht hat, unter die Arme zu greifen, explodierte das Staatsdefizit. In Irland lang das öffentliche Defizit 2007 noch bei Null Prozent, zwei Jahre später, 2009 bei 14,4%. Tendenz rapide steigend. Für die Sozialisierung der privaten Schulden müssen nun die Bürger zahlen. Den Iren werden Sozialleistungen gekürzt, für die materielle Infrastruktur stehen keine Mittel zur Verfügung, viele öffentliche Güter werden nicht mehr oder nur in minderer Qualität bereit gestellt: Gesundheitsversorgung, Altersvorsorge oder Bildung und Ausbildung fallen der Finanzkrise zum Opfer. Die Bürgerinnen und Bürger zahlen also den Preis für den „Euro-Rettungsschirm”, den die Partner im Euroraum zur Verteidigung der Währung aufspannen.

Die Maastricht-Kriterien werden nicht nur in Irland gerissen. Statt der 60% Schuldenquote bringen es die Euroländer im Durchschnitt auf 80%. Das Defizit beträgt zu Beginn des Jahres 2011 nicht die erlaubten 3% des Bruttoinlandsprodukts, sondern im Durchschnitt mehr als das Doppelte nämlich 6,3%. Nicht Banken werden staatlich kontrolliert, sondern der Steuerstaat wird zu Gunsten der Banken privatisiert. Die Souveränität steht im Fall der Staatspleite auf dem Spiel. In diesem Spiel geht es um das europäische Integrationsprojekt, um die Zukunft des Euro, um die staatliche Souveränität. Die Finanzmärkte treiben die Politik vor sich her. Die einzelnen Euro-Staaten sind Teil eines Systems kommunizierender Röhren. Den Leistungsbilanzüberschüssen der einen Länder entsprechen Defizite anderswo. Die Schulden der Griechen können nur verringert werden, wenn dies auch mit den Vermögen beispielsweise in Deutschland passiert. Wie kann dies geschehen? Durch eine Vermögensbesteuerung. Doch diese wird in Berlin und anderswo strikt abgelehnt.

Immerhin kommt eine Insolvenzregelung ins Gespräch. Die Kredit gebenden Banken sollen an den Kosten der Entschuldung und daher auch an ihrer eigenen Rettung beteiligt werden. Das ist einer der wenigen vernünftigen Vorschläge zur Bewältigung der europäischen Krise seitens der deutschen Bundesregierung. Das “bail in” (der Gegensatz zum heutigen “bail out” der Banken) könnte tatsächlich eine Lösung sein. Doch dann dürfte man es den Banken nicht mehr gestatten, sich mit Hilfe der Rating Agenturen bei ihren Schuldnern schadlos zu halten, indem diese mit hohen Risikoaufschlägen belastet werden. Griechenland musste auf dem Höhepunkt der Krise zehn Prozent mehr für Bankkredite zahlen als Deutschland. Eine Goldgrube für die Finanzinstitute - und ein Bleianker, der in die Tiefe zieht, für Griechenland.

Daher ist es verfehlt, die öffentliche Verschuldung als ein Zeichen verantwortungslosen Haushaltens zu interpretieren. Sie ist vielmehr - Ironie der Geschichte - das Gegenteil: eine perverse Bedingung der Stabilisierung des privaten Finanzsystems. Den Banken geht es ja vor allem deshalb gut, weil sie von den Zentralbanken Geld zu sehr günstigen Konditionen erhalten, um es teuer an Staaten in Finanznot zu verleihen. Das bringt hohe Gewinne und Prämien für die Manager, und es ist fast risikolos, denn letztlich spannen die Mitgliedsländer des Euroraums für die Staatsschulden den Rettungsschirm.

Die Krisen des Naturverhältnisses

Den gibt es nicht gegen die Folgen der Verbrennung fossiler Energieträger. Deren Emissionen konzentrieren sich als Treibhausgase in der Atmosphäre. Der Konzentrationsgrad ist von vorindustriellen ca. 280 ppm auf heute etwa 380 ppm angestiegen. Das ist bereits das Maximum, wenn der Temperaturanstieg im Verlauf dieses Jahrhunderts die Marke von 2°C nicht überschreiten soll. Für mindestens 80% der Treibhausgaskonzentration sind die alten Industrieländer in Nordamerika und Westeuropa verantwortlich. Auch heute noch stammt der größte Teil der Emissionen aus den Auspuffs und Schloten der „reichen” Länder.

Der Anstieg der Erdmitteltemperatur hat größte Schäden zur Folge. Diese reichen vom Abschmelzen der Eiskappen an den Polen, dem Anstieg des Meeresspiegels, von Überflutungen küstennaher Gebiete, ausgedehnten Dürren mit Wüstenbildung bis zu ungewöhnlichen Wetterereignissen wie Hitzewellen oder zerstörerischen tropischen Stürmen und Überschwemmungen. Um diese Schäden einzudämmen, muss der CO2 -Ausstoß radikal reduziert werden. Ob dann aber das wirtschaftliche Wachstum so gesteigert werden kann, dass wieder Renditen von 20% auf Finanzpapiere zustande kommen, ist mehr als fraglich.

Fraglich ist auch die Geldbewertung der Folgen des Klimawandels. Mit der Kalkulation der Kosten in Euro oder US-Dollar wird implizit unterstellt, dass die Schäden reversibel und durch entsprechenden Geldaufwand zu vermeiden oder zu beheben seien. Doch in Geld lassen sich Umweltschäden oder Veränderungen der Ökosystem erstens nicht aufwiegen und zweitens nicht rückgängig machen. Eine wirkliche Prävention ist nur möglich, wenn das Energieregime von der Quelle (der Extraktion des Öls aus dem Boden) bis zur Senke (der Deponierung der Treibhausgase in der Atmosphäre) umgebaut wird.

Aber die Kalkulation der monetären Kosten des Klimawandels und des Naturschutzes hat auch den Vorteil, dass Geldvermögensbesitzern, die auf der Suche nach renditeträchtigen Anlagen sind, nun Rohstofffonds, Oilfutures, Derivate von Rohstoffwerten, Fonds über Ackerfläche in Afrika oder Lateinamerikla oder Emissionszertifikate (CO_2 -Zertifikate) angeboten werden können. Die Finanzspekulation hakt die Immobilienbonanze bis 2008 ab und wendet sich Rohstoffen und Nahrungsmitteln zu. Die Finanzspekulation übt so einen Einfluss auf die Preise fossiler Energie für die Motoren der Autos und auf die Preise von biotischer Energie für die Ernährung von Menschen sowie auf die Wirksamkeit von Klimapolitik aus. Den spekulativen und - wie viele Beispiele zeigen - auch kriminellen Akteuren auf wenig regulierten Finanzmärkten einen beträchtlichen Einfluss auf Klima-, Energie- und Rohstoffpolitik und auf die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen zu überlassen und mit ihren kurzsichtigen und kurzfristigen Profitinteressen das gesellschaftliche Naturverhältnis gestalten zu lassen, ist politisch verantwortungslos. Den Spekulanten kann nicht die Zukunft der Menschheit ausgeliefert werden.

Stau auf den Wegen aus der Krise

Wie kommt man aus der Krise heraus? Anders als vor 80 Jahren gibt es den Keynesianischen Ausweg aus der Krise nicht. Erstens ist die Zinssouveränität der Zentralbanken in Zeiten der Globalisierung den Finanzmärkten geopfert worden und daher wären Versuche, das Zinsniveau der Geschäftsbanken mit Hilfe der Zentralbanken unter die „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals” zu drücken, zum Scheitern verurteilt. Das ist keine schwierige Erkenntnis, denn die Staaten sind gefangen in der von Keynes gefürchteten Liquiditätsfalle: die Zentralbankzinsen befinden sich bei 1 Prozent im Keller, und trotzdem wird nicht investiert, zumal die Banken das billige Geld an die verschuldeten Staaten zu einem satten Zinssatz ausleihen und schöne Gewinne aus der Zinsdifferenz einfahren können. Man müsste schon „mehr Protektionismus wagen” und die Freiheit des Kapitalverkehrs beschneiden, um dieses Geschäft auf Kosten der Steuerzahler zu unterbinden. Doch dazu sind die Regierungen des Euroraums nicht bereit.

/Zweitens/ würde das nichts nutzen, weil Investitionen und Wachstum inzwischen an Grenzen stoßen, die im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts jenseits des Horizonts der politischen Wahrnehmung lagen. Das sind die Grenzen der Ressourcen und der Aufnahmefähigkeit der Natur für die Exkremente der Produktion und Konsumtion in der fossilen Zivilisation. Zwar wird das Ende der fossilen Energieträger inzwischen nicht mehr geleugnet; das Öl hat den Höhepunkt der Förderung erreicht oder wird ihn sehr bald erreichen („Peakoil”). Das Angebot von Öl lässt sich nach dem Peak nicht mehr dauerhaft steigern. Sicher ist es möglich, kurzfristig die Ölförderung zu erhöhen. Doch ist dies mit hohen Kapitalinvestitionen in die Infrastruktur der Förderung (zumal im Falle „unkonventionellen Öls”, etwa bei Tiefseebohrungen), in den Transport (Pipelines), die militärische Sicherung der Transportrouten (etwa am Horn von Afrika) und die Verarbeitung (Raffinerien) verbunden. Da gleichzeitig die Nachfrage nach fossiler Energie in der Welt zunimmt, gehen auf freien unregulierten Märkten die Preise unweigerlich in die  Höhe. Das ist auch eine Schussfolgeung des schon von der Bush-Regierung in Auftrag gegebenen Berichts über die Folgen von „Peak Oil” (Hirsch-Report 2005). Der Bericht mahnt daher, mindestens zehn Jahre vor Peakoil mit dem Umsteuern in Richtung einer nach-fossilen Wirtschaft anzufangen. Der Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur Fatih Birol datiert Peakoil etwa auf das Jahr 2020. Viele Öl-Geologen sind überzeugt, dass Peakoil bereits erreicht sei (dazu vgl. Teilbericht Zittel im Rahmen des Klien-Projekts 2010). Das radikale Umsteuern müsste also sofort beginnen - wenn es nicht bereits zu spät ist.

Die Internationale Energieagentur (IEA) berechnet den Investitionsbedarf der Ölindustrie und der dazugehörigen Infrastruktur bis 2030 auf 20 Billionen US-Dollar. Kann man mit riesigen Geldbeträgen die zur Neige gehenden Kohlenwasserstoffe ersetzen? Vorübergehend vielleicht, und man könnte etwas Zeit gewinnen. Doch um die Suche nach nicht-fossilen Auswegen kommt man in Zukunft nicht herum. Die „Abwrackprämie” mag ja vorübergehend Arbeitsplätze sichern. Doch sie verlängert auch das fossile Energiemodell, aus dem gerade ein Ausweg gefunden werden muss.

Auch im Klimaschutz bieten sich günstige Investitionsgelegenheiten, jedenfalls auf den ersten Blick. Das Volumen des Emissionshandels wird, wenn dieser vom europäischen Handelssystem auf die ganze Welt ausgedehnt würde bis zu 20 Billionen US-Dollar betragen. Das ist noch in den Zeiten vor Ausbruch der Finanzkrise berechnet worden, als das „Originieren” von Wertpapieren, .B. von CO2 -Zertifikaten ein todsicheres Geschäft zu sein schien (vgl. dazu generell Altvater 2010). Doch diese Hoffnungen sind heute begraben.

Hinzu kämen noch Investitionen zum Anbau von Agro-Kraftstoffen, um die rückläufige Ölförderung zu kompensieren. Wenn dieser Effekt aber zustande kommt, nicht weil weniger mit dem Auto gefahren wird, sondern weil nun mehr Agrokraftstoffe in den Tank der Autos gefüllt werden, wird die Landnutzung von der Nahrungsmittelproduktion zur Spritdestille umgewidmet. Die unzureichend regulierte Flächennutzungskonkurrenz ist der wichtigste Grund für den starken Preisanstieg bei Nahrungsmitteln im Jahr 2008, für die Zunahme des Hungers und für die Hungerrevolten in vielen Ländern. Weil die fossilen und biotischen Energien zum Teil substituierbar sind, wird es rentabel, bei steigendem Preis fossiler  Energie die in Pflanzen gespeicherte biotische Energie als Energiequelle für Motoren zu nutzen (Genauer zu den Folgen: Klien-Projekt 2010).

Es ist ein gutes Geschäft, ganze Landstriche in Monokulturen für Agrosprit zu verwandeln - auch um den Preis des sich ausbreitenden Hungers in der Welt. Und tatsächlich ist „land grabbing”, also die langfristige Pacht von riesigen Ländereien in afrikanischen Staaten oder auch in Russland und Lateinamerika durch Länder mit hohen Devisenreserven ein expandierender Geschäftszweig, in dessen Gefolge aber Millionen Menschen mit dem Land auch die Nahrung genommen wird.

Doch sollte/ drittens/ nicht unter den Tisch fallen, dass der Ausweg vor 80 Jahren ins Desaster des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges führte. Der Ausweg war also keiner, und daher muss heute alles daran gesetzt werden, dass dies sich nicht wiederholt. Das ist ein normativ gut begründbarer ethischer Imperativ.

Von Dublin über Lissabon und Paris bis Rom und Athen und Berlin gehen die Menschen auf die Straße. Sie erheben ihre Stimme zum lauten Protest gegen die Krise und die Umverteilung von unten nach oben. Die Alternative wäre “exit”, so wie die Iren oder die Griechen es in ihrer Geschichte schon immer praktiziert haben: sie sind abgehauen, ausgewandert. Das sind individuelle Lösungen, für den einen oder die andere. Sinnvoller wäre es, sich in gemeinsamer europäischer Anstrengung zu bewegen und die Politik in Richtung einer Kontrolle der Finanzmärkte zu verändern. Nicht die reale Ökonomie wird zu Gunsten der Finanzinstitutionen ausgepresst, sondern die Finanzmärkte sollen der realen Ökonomie und einem nachhaltigen Umgang mit der Natur dienen. Zu einer tragfähigen globalen Finanzarchitektur gehört also vor allem die Regulierung der Schnittstelle zwischen finanzieller und realer Ökonomie. Wenn die Grenzen der Natur so deutlich zu Tage treten wie mit der prekärer werdenden Energieversorgung, den klimatischen Veränderungen, der Abnahme der Biodiversität, der zunehmenden Landnutzungskonkurrenz und wenn nicht weniger, sondern mehr Menschen als je zuvor Hunger leiden müssen, dann muss tatsächlich ein Modellwechsel von Wirtschaft und Gesellschaft ins Auge gefasst werden.

Elmar Altvater ist Politikwissenschaftler und emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Er ist Autor globalisierungskritischer Standardwerke und viel gebuchter Vortragender, gehört dem wissenschaftlichen Beitrag von ATTAC an und war langjähriges Mitglied der Redaktion PROKLA. Zuletzt erschien die Kapitalismus-Abrechnung Der große Krach: oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur (Münster 2010).

Literatur

Altvater, Elmar (2010): Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, (Westfälisches Dampfboot) Münster
Diamond, Jared (2006): Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt am Main
Heinberg, Richard (2007): Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines, Gabriola Island
Hirsch-Report (2005). Hirsch, Robert L./Bezdek, Roger/Wending, Robert. Peaking of World Oil Production: Impacts, Mitigation, & Risk Management. Fevereiro de 2005: http://www.netl.doe.gov/publications/others/pdf/oil_peaking_netl.pdf
Hirschman, Albert (1970). Exit, Voice and Loyalty. Cambridge/Mass.: Harvard University Press
Klien-Projekt 2010: Österreichischer Klima- und Energiefonds: Studie „Save our Surface” im Auftrag des Österreichischen Klima- und Energiefonds, Umweltbüro Klagenfurt, Argumentarium undTeilberichte können über die website abgerufen werden: http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/?page_id=105

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