Netzwerke und Geschichte(n)

Von Beginn an verbindet Netzwerkanalyse Strukturbeschreibung, -messung und -visualisierung in einem. Im Beitrag von Wolfgang Neurath geht es um den Austausch und die Kooperation zwischen Netzwerkanalytiker/innen, Sozial- und Kulturtheoretiker/innen sowie Historiker/innen.

Historiker/innen versuchen das Netz, das zwischen Diskursen, Institutionen, Architekturplänen, Reglements, Gesetzen, wissenschaftlichen Aussagen, administrativen Reglements, statistischen Datenreihen, Klugheits- und Tugendlehren, philosophischen Aussagen und anderen Lehrsätzen im Archiv gesponnen ist, zu entbergen, zu ordnen und darzustellen. Als innovative Erweiterung der herkömmlichen Verfahren und Prozesse bietet die Social Network Analysis der historischen Forschung neue Perspektiven an. Ähnlich wie Fotografie und Film können Netzwerkvisualisierungen das Blickfeld und den Raum der Sichtbarkeit erweitern. Gerade bei der Explorierung komplexer Systeme spielt das Verfahren seine Stärken aus, indem es eine abstrakte Beschreibungssprache, die man als „language of networks” bezeichnen kann, mit einem Set von Verfahren verbindet, die Position, Einbettung, Gruppierung oder auch strukturelle Besonderheiten von Akteuren sichtbar macht. Von Beginn an verbindet Netzwerkanalyse Strukturbeschreibung, -messung und -visualisierung in einem.

Im Folgenden soll es um den Austausch und die Kooperation zwischen Netzwerkanalytiker/innen, Sozial- und Kulturtheoretiker/innen sowie Historiker/innen gehen. Diese drei Gruppen ließen sich lange Zeit als konkurrierende Clans und isolierte Cliquen fassen, die der Tendenz nach voneinander durch strukturelle Wissensbegrenzungen getrennt waren, ihre eigenen subkulturellen Stile besaßen und Diskurse führten, die gegenseitig als unübersetzbar und unverständlich erschienen. Erst in den letzten Jahren ist der interdisziplinäre Austausch stärker geworden. Es wurden Konferenzen abgehalten und Foren etabliert, welche die Begegnung zwischen Geschichtswissenschaft und Netzwerkanalyse auf eine neuartige und stabile Basis stellten. In diesem Artikel wird es dabei um drei Aspekte gehen:

  • werden Theorie und Praxis der explorativen Netzwerkanalyse kurz vorgestellt,
  • sollen Konzepte für netzwerkanalytische Strukturanalysen nähergebracht werden, die eine starke Explikationskraft aufweisen, und
  • soll abschließend das Verhältnis von Netzwerkanalyse und Kulturwissenschaft erläutert werden.Theorie und Praxis der explorativen Netzwerkanalyse

A.) Theorie und Praxis der Netzwerkanalyse

Die netzwerkanalytische „Sprache des Netzes” („language of networks”) beschreibt die Transformationsregeln von der empirischen Beobachtung über die Datenaufzeichnung, deren Übersetzung in Matrizen und die Reorganisation der Datenreihen durch Algorithmen und schlussendlich deren Projektion in einen Wahrnehmungsraum („Netzwerkvisualisierung”). Um Informationen zu sammeln und Daten zu erheben, können verschiedene Arbeitstechniken und Methoden zum Einsatz kommen, die sich nicht von jenen anderer Disziplinen unterscheiden. Denn wie in anderen Sozialwissenschaften auch, steht am Beginn einer Netzwerkanalyse die empirische Beobachtung und Datensammlung. Dabei gilt, dass die Datenaufzeichnung nicht nur Beobachtungsobjekte und deren Eigenschaften enthalten muss, sondern darüber hinaus auch die Beziehungen zwischen eben diesen Objekten aufzuweisen hat. Die systematische Erhebung der Beziehungsaspekte zwischen den Objekten ist ein erstes markantes Kennzeichen der Sozialen Netzwerkanalyse.

Dazu ein Beispiel: Wenn zwei Personen (A und B) empirisch untersucht werden, lässt sich z.B. feststellen, ob sie miteinander Kontakt haben oder befreundet sind. Sind sie befreundet, dann lässt sich die Aussage >>A ist befreundet mit B<< verifizieren und positiv aufzeichnen. Dies gilt auch für Aussagen wie >>A spricht mit B<<, >>A und B tauschen Güter und Waren<< oder >>A und B sind im Aufsichtsrat eines spezifischen Unternehmens<<, usw. Ausgehend von diesen einfachen und basalen Beziehungen, Verhältnissen oder Relationen lässt sich die Analyse dann auf weitere Personen (C, D, E, etc.) ausdehnen (siehe Abbildung 1). Es lassen sich dann computerunterstützt Netzwerke aus tausenden und abertausenden solcher Grundelemente modellieren. Die gleichsam mikroskopische Voraussetzung für diese Hochrechnungen sind aber immer zwei Akteure, anhand derer bestimmt wird, ob eine bestimmte Beziehung vorliegt oder nicht. Die weiteren Eigenschaften eines Akteurs und seiner Beziehungen können dann als zusätzliche Information verzeichnet und gespeichert werden.

FAS_Netzwerkaufbau_20110204Abbildung1: Darstellung netzwerkanalytischer Basisverbindungen. (Grafik: ©FAS.research)

Bereits der Arzt, Psychiater und Soziologe Jacob Levi Moreno (1889-1974), dessen Soziometrie man als Netzwerkanalyse avant la lettre bezeichnen kann (Moreno 1996), hat in dieser Art und Weise Akteure mit bestimmten Eigenschaften (etwa nach der Unterscheidung zwischen >>Mann<< und >>Frau<< etc.) und deren jeweilige Freundschaftswahl aufgezeichnet und in eine Karte der jeweils untersuchten Sozietät übersetzt. Eine solche Transformation von analytischen Matrizen in die visuelle Information von >>Netzwerkkarten<< macht die Stärke und Faszination der Sozialen Netzwerkanalyse aus. Netzwerkanalytiker setzen ganz gezielt auf die Fähigkeit unseres Sehsinns, viele und komplexe Informationen parallel verarbeiten zu können. Um solche Karten herzustellen, sind bestimmte Konventionen erforderlich, die sowohl das Vokabular der Symbole als auch die Regeln der Anordnung bestimmen.

Was z.B. Otto Neurath für die Statistik geleistet hat (Neurath 1991), soll im Rahmen aktueller Netzwerkanalysen für Strukturdarstellungen möglich sein. Dabei geht es zunächst einmal darum, die Verbindungen zwischen den Einheiten zu ordnen, so dass verbundene Einheiten auch benachbart angeordnet werden können. Dies stellt eine sehr aufwendige Aufgabe dar, die allerdings von Computern unter Verwendung verschiedener Algorithmen automatisch erledigt werden kann. In einem zweiten Schritt werden dann die vielfältigen weiteren Eigenschaften der entstandenen >>Knoten<< (Vertices) und sog. >>Kanten<< (edges) - und der durch sie gebildeten Teilsysteme - mit unterschiedlichen Größen, Farben oder Formen in die netzwerkanalytischen Karten eingetragen (siehe Abbildung 2).

Microsoft PowerPoint - 100415_eugenics.pptAbbildung 2: Die visuelle Komplexität von Netzwerkvisualisierungen
anhand der Darstellung des Netzwerks der kooperativen Forschung. (Grafik: ©FAS.research)

Erstaunlicherweise entstehen dabei oft gut lesbare Abbildungen, die nicht nur Einblick in Vorgänge innerhalb dieser Netze gewähren, sondern es oft auch gestatten, besondere Teilsysteme als lokale Muster zu identifizieren. Die komplexesten Visualisierungen erlauben es, multidimensionale Informationen aus den Daten zu beziehen, indem nicht nur die Eigenschaften der Beziehungsknoten, sondern auch die der Kanten visualisiert werden. So haben etwa die Visualisierungen komplexer Strukturen, die der Kölner Gesellschaftsforscher Lothar Krempel (Krempel 2005, Krempel 2006) erstellt hat, nicht nur einen hohen ästhetischen Reiz. Diese kunstvollen Karten haben viel mehr den Vorteil, nach (sozial-)wissenschaftlichen Erkenntnissen konstruiert zu sein. Darüber hinaus sind sie auch international kommunizierbar, da die Sprache des Netzes auch in Russland oder Japan verstanden wird. Bei aller wissenschaftlichen Durchdringung der Sprache des Netzwerks verbleibt allerdings immer ein Rest, der noch an die Kunstfertigkeit handgezeichneter Karten erinnert. In dieser Überlappung von Kunst und Wissenschaft werden wir immer wieder daran erinnert, dass das menschliche Gehirn bestimmte Informationen über Bilder besser als über Texte aufnehmen kann.

Das Bemerkenswerte an Karten ist dabei, dass in und mit ihnen unterschiedliche Zeiten aufbewahrt und gespeichert werden: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - je nachdem. Diesen Umstand bemerken wir in der Regel immer erst dann, wenn eine Zeit zu Ende geht, wenn Karten alt geworden und die neuen noch nicht gezeichnet sind. Karten lassen Ordnungen erscheinen, und die Häufigkeit der Erneuerung einer Karte oder auch die jeweiligen Abweichungen von Karte zu Karte sind sehr gute Indikatoren für die Vergänglichkeit einer bestimmten sozialen oder historischen Ordnung. Kartenserien verraten uns etwas über die Dynamik von Ordnungen gleich welcher Art; sie lehren uns den Unterschied zwischen „frozen worlds” und Welten am Rande des Chaos. Schon der große französische Historiker Marc Bloch hat diesen Aspekt der Kartographie bei der Entwicklung seiner „regressiven Methode” verdeutlicht und seine Bedeutung für die Historiographie betont (Bloch 2002, Raulff 1995). Ganz in diesem Sinne kann man heute dynamische Netzwerk-Visualisierungen in der Geschichtswissenschaft anwenden. Sie erweitern somit das „Sehfeld” des Historikers.

Dazu hier nur ein konkretes Beispiel: Die Auflösung der Deutschland AG. Die Verflechtungen zwischen deutschen Großunternehmen haben zu Verdächtigungen geführt und die Debatten über deren Nutzen stark emotionalisiert. Bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist die deutsche Unternehmenslandschaft durch dichte Kapital- und Personalverflechtungen geprägt. Für manche war das deutsche Unternehmensnetzwerk Ausdruck eines besseren, die Potenziale der Kooperation ausschöpfenden, und deshalb der reinen Marktwirtschaft überlegenen Kapitalismus. Andere interpretierten Unternehmensverflechtungen als Instrumente machthungriger Manager, die sich mit Überkreuzbeteiligungen vor dem Einfluss der Kapitalmärkte schützten. Der rheinische Kapitalismus hat sich nach etwa hundert Jahren aufgelöst. Die Kontrolle durch Verflechtungen wird zunehmend von der Kontrolle durch den Finanzmarkt abgelöst. Dieser Strukturwandel lässt sich als Zeitserie von Netzwerk-Visualisierungen darstellen.

(NetVisPs V4.25)Abbildung 3: Kapitalstruktur des deutschen Wirtschaftssystems 1996 (Grafik: ©Lothar Krempel)

Die hier abgebildeten Darstellungen (siehe Abbildung 3 und 4), die von Lothar Krempel stammen, beruhen auf den Hauptgutachten der deutschen Monopolkommission und geben Einblick in tiefgreifende Änderungen des deutschen Wirtschaftssystems. Bereits unter einer komparativ-statischen Perspektive treten wesentliche Veränderungen hervor. Im Jahr 1996 bildeten sechzig der hundert größten deutschen Unternehmen eine zusammenhängende Komponente. Das Netzwerk hatte einen identifizierbaren Kern, der vor allem aus Finanzunternehmen bestand und durch Überkreuz-Verflechtungen charakterisiert war. 1996 kontrollierte die über Kreuz verflochtene Gruppe von Finanzunternehmen einen der Anteile an Industrieunternehmen. Neben den Verflechtungen der Finanzunternehmen lässt sich in der Peripherie des Systems ein Cluster von Industrieunternehmen des Bergbau- und Energie-Sektors identifizieren, die stark miteinander verflochten waren. In den Folgejahren zeigt sich nicht nur ein fortschreitender Abbau dieser Verflechtungen, sondern auch der Überkreuz-Verflechtungen im Zentrum des Netzwerks. Soziales Kapital hat sich in Finanzkapital umgewandelt; der Kontrollmodus verändert sich.

(NetVisPs V4.25)Abbildung 4: Kapitalstruktur des deutschen Wirtschaftssystems 2004 (Grafik: ©Lothar Krempel)

B) Konzepte für Strukturanalysen

Die soziale Netzwerkanalyse hat eine breite Zahl an analytischen Konzepten und überaus nützlichen Modellen hergestellt, um menschliche Verhaltensweisen ausgehend von der Struktur sozialer Verbindungen vorherzusagen. Dabei geht es immer auch um die strukturellen Voraussetzungen, Bedingungen und Zwänge, die sich innerhalb eines Gesellschaftssystems dem Handeln der Akteure auferlegen. Fünf dieser Konzepte bzw. Begriffe sollen hier kursorisch vorgestellt werden.

  1. Ein äußerst wichtiges Konzept ist das >>Embedding<< sozialen Handelns. Der amerikanische Soziologie Mark Granovetter hat dieses Konzept der Eingebundenheit menschlicher Aktion auf folgende eingängige Formel gebracht: “action is embedded in concrete, ongoing social relations” (Granovetter 1985:487) Ein Individuum, ein Akteur ist mithin immer einem bestimmten kollektiven Verhaltensmuster ausgesetzt, dass sich aus dem Verhältnis zu jenen Menschen in seinem persönlichen Umfeld ergibt, die bereits innerhalb dieses Netzwerks Aktivitäten setzen. Dabei wird angenommen, dass die tendenzielle Bereitschaft eines Individuums, eine spezifische Verhaltensweise anzunehmen, ihrerseits eine Funktion des Verhaltens eben jener Akteure darstellt, die im direkten Umfeld dieses Akteurs tätig sind.
  2. Auch das Konzept der >>Strength of Weak Ties<< geht auf einen sehr einflussreichen Artikel von Mark Granovetter zurück, der 1973 erschienen ist (Granovetter 1973). Dabei definierte er die Stärke einer Verbindung vor allem über die gemeinsam verbrachte Zeit in der die Intensität, Intimität oder Reziprozität einer Beziehung zu- oder abnimmt. Dabei geht es auch um Indikatoren wie Vertrauen oder Information. Granovetter betonte, dass im Marketing oder in der Politik gerade schwache Verbindungen die Möglichkeit mit sich bringen, eine gegebene Population zu erreichen, die über starke Verbindungen nicht aktiviert werden kann.
  3. Mit dem Begriff >>structural holes<< umschreiben Netzwerkanalytiker den Umstand, dass für das Handeln eines Akteurs nicht die Beziehungsstärke entscheidend ist, sondern die Frage, ob er aufgrund der Struktur und Kraft seiner Beziehungen in der Lage ist, andere Akteure als Vermittler zu verbinden, die ihrerseits eben keine Beziehung zu einander unterhalten. Können solche nicht verbundenen Netzwerke überbrückt werden, dann füllt die Stärke des Mediators - und mit ihm, die seines Netzwerkes - >>strukturelle Löcher<<. (Burt 1992)
  4. Mit dem Konzept der >>structural equivalence<< kann gezeigt werden, dass Akteure sich in einem hohen Ausmaß strukturell äquivalent verhalten, wenn sie zu identischen (dritten) Akteuren dieselben Beziehungen haben. In einer >>strukturell äquivalenten<< Position ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Individuen sich auch gleich verhalten. Dies wurde 1993 eingehend von John F. Padgett und Christopher K. Ansell (Padgett/Ansell 1993) vor Augen geführt, die im Rahmen einer netzwerkanalytischen Positionsanalyse Cosimo de Medicis Aufstieg zur Macht anhand historischer Quellen analysierten und hervorhoben, dass dieser nur möglich war, weil Medici die >>strukturellen Löcher<< überspannen konnte, die sich zwischen mehreren politischen Mitspielern öffneten. Netzwerkanalytiker sprechen hier auch vom >>Black Modelling<<, mit dem man ein Gesellschaftssystem als relationales Rollenspiel begreifen kann.
  5. Diesen Teil abschließend soll hier noch kurz das Konzept der >>Small World<< diskutiert werden. Der Begriff wurde 1967 von Stanley Milgram geprägt (Milgram 1967) und beschreibt den in modernen Gesellschaften vorhandenen hohen Grad abkürzender Wege durch persönliche Verbindungen. Anhand des „Kleine-Welt-Phänomens” konnte Milgram zeigen, dass jeder Akteur auf dem Globus nur durch eine äußerst kurze Kette von Beziehungen mit jedem anderen verbunden und verknüpft ist. Dies kann dadurch erklärt werden, indem man von einer Struktur ausgeht, wo entweder einige Akteure (sog. hubs) sehr viele Beziehungen aufweisen oder wo eher regelmäßig in einem Netzwerk strukturelle Löcher überbrückt werden.

Microsoft PowerPoint - 100415_eugenics.ppt [Schreibgeschützt]Abbildung 5: Ein weiteres Beispiel für Netzwerkvisualisierungen (Grafik: ©FAS.research)

C) Soziale Netzwerke und Kultur

Die soeben in knappen Zügen vorgestellte (formale) Sprache der Netzwerkanalyse erlaubt es uns, komplexe Systeme zu visualisieren und zu explorieren sowie interessante Akteure und Akteurskonstellationen zu entdecken. Die Netzwerkanalyse hat - wie hier nur angedeutet werden konnte - sehr erklärungsmächtige Konzepte entwickelt, die uns helfen, z.B. den Aufstieg der Medici in Florenz zu erklären oder aber >>Patterns of Social Structure<< zu erkennen, die unternehmerisches Handeln verstärken oder unter Umständen erst ermöglichen. Ein besseres oder vollständigeres Verständnis der sozialen Welt und der Handlungszusammenhänge sozialer Akteure ist aber ohne parallele Analyse des kulturellen Kontextes und ohne Erklärungsmodelle der Bedeutungswelt des oder der Handelnden schlussendlich nicht erfolgreich. Strukturanalyse ohne Kulturanalyse führt zu einem verkürzten und möglicherweise mechanistischen Verständnis der sozialen Welt. Man bedenke nur, dass die Formierung von Akteursidentitäten, die Wahrnehmungs- und Handlungsschemata sozialer Beziehungen selbst wieder kulturell erzeugt werden.

Dabei ist gerade aus kulturwissenschaftlicher und historischer Perspektive bemerkenswert, dass Netzwerke, gerade dann, wenn ein einziges Zentrum oder ein Herrensignifikant fehlen, eine eigenartige Beziehung zu Narrationen aufweisen, die in gewisser Weise die Netzwerke erst zusammenhalten und verweben. Man kann an dieser Stelle geschichtswissenschaftlich argumentieren, dass es einen Kohäsionsfaktor zwischen (allgemeiner) Geschichte und (besonderen) Geschichten, mithin zwischen History und Stories gibt: denn in gewisser Weise sind individuell erzählte Geschichten für die Konstitution der Elemente eines Netzwerkes formativ. Charles Tilly verweist in diesem Zusammenhang auf die Reflexivität von Narrationen, auf das durch sie konstituierte „Channeln sozialer Beziehungen” und daher auch auf ihre Repräsentationsmacht:

“An identity is an actor’s experience of a category, tie, role, network, or group, coupled with a public representation of that experience; the public representation often takes the form of a shared story.” (Tilly 2002, 75) Geschichten als Medium der Reflexion, Formation und Repräsentation sozialer Identitäten und deren Beziehungen (social ties) innerhalb und zwischen sozialer/n Grenzen führen dann zurück zum “problem of storytelling”, wie Tilly betont. Denn die logische Struktur des Erzählens (”logical structure of storrytelling”) bringt die soziale Struktur und vor allem die sozialen Prozesse, die durch Sozialwissenschafter und Historiker allererst zu erklären wären, zum Verschwinden.

Nicht nur eine Erweiterung, sondern eine vollständig neue Perspektive in der Analyse von Netzwerken kann auch dadurch entstehen, dass das Akteursprimat gebrochen wird und der Fluss, der durch ein Set von Akteuren hindurchgeht, nicht nur als Verbindung zwischen Akteuren, sondern als Produktionsverhältnis von Strukturen mit ihren spezifischen Eigenschaften angesehen wird. Die Netzwerkanalyse müsste demnach bei ihrer Untersuchung mit den Qualitäten der Kanten beginnen. Vollständig neue Erkenntnisse von Strukturdynamiken wären aller Voraussicht nach die Folge. So ist für Gilles Deleuze und Félix Guattari eine Stadt ein Produkt von Flüssen; ein Ort, wo sich Inputs neu ordnen und übersetzen lassen, um wieder weiterfließen zu können:

„Die Stadt ist das Korrelat der Straße. Die Stadt existiert nur im Hinblick auf Verkehr und Kreisläufe; sie ist ein bedeutender Punkt in den Kreisläufen, von denen sie geschaffen wird oder die sie schafft. Sie wird durch Ein- und Ausgänge bestimmt, es muss etwas in sie hineingehen und aus ihr herauskommen. [...] Es handelt sich um ein Phänomen der Trans-Konsistenz, um ein Netz.” (Deleuze/Guattari 1992)

Jeder Akteur im Netzwerk ist ein Korrelat der Kanten bzw. Flüsse im Netzwerk. Um zu verstehen, wie Dynamiken in Netzwerken entstehen, ist die Stärke, Konsistenz und die Widersprüchlichkeit der zirkulierenden Flüsse zu beachten: Personen, Waren, Codes, also verschiedene materielle oder symbolische Systeme zirkulieren und verändern die Übersetzungs- und Austauschstrukturen. Metaphorisch ist ein solches Denken ja durchaus gebräuchlich, wenn wir uns an Wittfogels Theorie der „hydraulischen Gesellschaft” erinnern (Greffrath 1979): Die Regulierung und Verteilung der ungünstig verteilten Wasservorkommen ist für die Menschen schon seit Jahrtausenden eine Herausforderung. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war China im Bau von Deichen, Transportkanälen und Bewässerungssystemen dem Westen weit überlegen. Diese Aufgaben erforderten die zentralstaatlich gelenkte Realisierung solcher Großprojekte und die Erhaltung der Wasserbauten sowie die davon abhängige bürokratische Organisation mit massenhafter Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften. Wie entstehen diese Netzwerkstrukturen, die um verschiedene Pole oder Potentiale angeordnet sind und die Flüsse vollständig unterschiedlich organisieren? Aber dies wäre ein gänzlich neues Kapitel in der mittlerweile schon mehr als hundertjährigen Geschichte der Netzwerkforschung, die für Historiker/innen - aber auch für alle, die eine adäquate Konstruktion des sozialen Raums anstreben - jedenfalls neue Impulse, Methoden und Fragestellungen bereithält. Vieles gilt es noch zu entdecken und zu explorieren. Es ist an der Zeit, diese Perspektive einzunehmen und sie auch für die Analyse der gegenwärtigen Politik in Veranschlagung zu bringen.

Mag. Wolfgang Neurath ist Historiker und lebt in Wien.

Literatur:

  • Bloch, Marc: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers, Stuttgart 2002.
  • Burt, Ronald S.: Structural Holes. The Social Structure of Competition, Cambridge 1992.
  • Deleuze Gilles/Guattari Félix: Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus, Berlin 1992, 599.
  • Granovetter, Mark: Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness, in: American Journal of Sociology 91, 481-510.
  • Granovetter, Mark: The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology 78, 1360-1380.
  • Granovetter, Mark: The Strength of Weak Ties: A Network Theory Revisited, in: Sociological Theory (Blackwell) 1: 201-233.
  • Greffrath, Mathias: Die hydraulische Gesellschaft und das Gespenst der asiatischen Restauration. Gespräch mit K. A. Wittfogel, Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern, Reinbek b. Hamburg 1979.
  • Krempel, Lothar: Visualisierung komplexer Strukturen. Grundlagen der Darstellung mehrdimensionaler Netzwerke, Frankfurt/M. 2005.
  • Krempel, Lothar: Michael Schnegg: About the Image. Diffusion in an Historical Network. Structure and Dynamics, in: eJournal of Anthropological and Related Sciences 1/2006, Article 10.
  • Milgram, Stanley: The Small World Problem, in: Psychology Today1(1), 60-67.
  • Moreno, Jacob Levi: Die Grundlagen der Soziometrie, 3. Auflage, Opladen 1996.
  • Neurath, Otto: Gesammelte bildpädagogische Schriften, hg. von Rudolf Haller und Robin Kinross, Wien 1991.
  • Padgett, John F./Ansell, Christopher K.: Robust action and the rise of the Medici, 1400-1434. The American Journal of Sociology (RSS), 1993.
  • Raulff, Ulrich: Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch, Frankfurt/M. 1995.
  • Tilly, Charles: Stories, Identities, and Political Change, Lanham, Md.: Rowman & Littlefield, 2002.
  • White, Harrison C.: Identity and Control. A Structural Theory of Social Action, Princeton.

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