“Small Enough To Fail”

James Tobin bezeichnete den Finanzsektor als hypertroph und ineffizient. Er würde dem realen Sektor immer mehr finanzielle Ressourcen, aber auch gut ausgebildete Arbeitskräfte entziehen, die in diesem Sektor zu verdienenden Renditen stünden in keinem Verhältnis zum fragwürdigen gesellschaftlichen Nutzen, den viele der Finanzströme bzw. -dienstleistungen stiften. von Helene Schuberth

Diese Überlegungen stellte Tobin in einer bemerkenswerten Rede 1984 an. (1) Seither hat sich in den USA der Anteil des Finanzsektors an der nominellen Wertschöpfung von 4 auf 8% (2007) verdoppelt, der Anteil der Profite des Finanzsektors an sämtlichen Gewinnen hat sich in diesem Zeitraum gar auf 40% beinahe versechsfacht. (2)

Eine Reihe von Deregulierungen, Finanzinnovationen sowie die Aufhebung des Glass Steagall Act im Jahr 1999, der mit der obligatorischen Trennung von Kommerz- und Investmentbanken eine zentrale regulatorische Antwort auf die Krise der 1930er-Jahre war, haben zudem die Finanzinstitutionen opak, komplex und somit wenig überschaubar werden lassen, nicht nur für die Aufseher, Eigentümer, Konkurrenten und Steuerbehörden, sondern vor allem für das Management selbst. Die Größe der Finanzinstitutionen, deren oft grenzüberschreitende Interdependenzen sowie deren Verflechtung mit der Politik haben Letztere zu einem Anhängsel der Finanzindustrie werden lassen. Die Politik steht mit dem Rücken zur Wand, wenn es wieder einmal darum geht, eine systemisch relevante Bank mit Steuergeldern aufzufangen und damit das Vermögen von Aktionären und großen Gläubigern zu sichern.

Dass die Politik in Geiselhaft genommen werden kann, wird auch durch das Fehlen einer grenzüberschreitenden Insolvenzordnung, die eine geordnete Abwicklung von Banken erlauben würde, erleichtert. Seit Beginn 2007 ist die Bilanzsumme des europäischen Bankensystems um 25% gestiegen, jene der US-amerikanischen Bankensystems um 20%. Heute ist die Bilanzsumme von 15 europäischen Banken größer als das Bruttoinlandprodukt des jeweiligen Herkunftslandes, während dies vor drei Jahren noch zehn Banken waren. (3) Der Anstieg der Bilanzsumme bedeutet nun nicht, dass Haushalte und Unternehmen mehr Kredite erhalten, viel ertragreicher ist es doch, angesichts der zahlreichen öffentlichen Stützungsmaßnahmen die berüchtigten Geschäftspraktiken, die sich doch letztlich bewährt haben – weitgehend risikolos – ungebrochen fortzuführen.

Im Hinblick auf die Bedeutung der Größe und Komplexität des Finanzsektors bzw. der Finanzinstitutionen für die Entstehung der Finanzkrise und für die „Too Big to Fail”-Plage, die laufend Anreize zu exzessivem riskanten Verhalten schafft, wodurch die Saat für die nächste Krise gesät wird, überrascht die weitgehende Ignoranz dieser Problematik in den europäischen Regulierungsvorschlägen. Im einem Anfang Dezember 2009 vom US-Repräsentantenhaus verabschiedet Gesetzesvorschlag wurde – neben einer Reihe von wenig bedeutenden Vorschriften zur etwas stärkeren Regulierung von großen Finanzinstituten – immerhin eine Studie angekündigt, in der die Auswirkungen einer regulatorischen Begrenzung der Bilanzsumme, der Komplexität und der systemischen Interdependenzen untersucht werden soll.

Die in der Literatur diskutierten Vorschläge zur Restrukturierung des Bankensystems sind zahlreich. Sie reichen von einer quantitativen Begrenzung der Bilanzsumme in Prozent des Bruttoinlandprodukts über höhere Eigenmittelerfordernisse für größere Finanzinstitutionen bis hin zum Aufbrechen und Aufspalten von großen Finanzinstituten. Die Adressierung der Größe und globalen Verflechtung des Finanzsektors in den Reformen ist eine von zahlreichen anderen regulatorischen Maßnahmen, die alle auf sich warten lassen.

Helene Schuberth ist Ökonomin in Wien.

Anmerkungen:
(1) Tobin, James (1984), On the Efficiency of the Financial System, Lloyd’s Bank Review.
(2) Philippon, Thomas (2008), The Evolution of the US Financial Industry from 1860 to 2007: Theory and Evidence. New York University, NBER, CEPR, November 2008.
(3) European Banks Growing Bigger ‘Sowing the Seeds’ of Next Crisis, Bloomberg Press, 2th December 2009, http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601109&sid=aRDrzOAWRekc&pos=11